Tokyo verschlafen

Angekommen
Keine Bange, den Flieger habe ich jedenfalls nicht verpasst – aber alles der Reihe nach. Nachdem ich die Nacht am Flughafen von Taipei verbracht hatte, ging es um 6h50 endlich los, Ziel: Narita Flughafen Tokyo. Vom Flug habe ich rein gar nichts mitbekommen, da ich die ganze Zeit geschlafen habe 😉 Es waren fast nur Asiaten an Bord, so dass ich natürlich vom Zoll herausgepickt wurde und mein Backpack inspiziert wurde. Diese „Inspektion“ bestand jedoch lediglich darin das oberste Objekt zu begutachten – meinen Lonely Planet – und minutiös durchzublättern… Mein Reisepass war dann noch interessanter und es wurden Stempel und Visa analysiert. Der Beamte war dann etwas verwundert, dass ich 5 Stempel aus Malaysia im Pass habe. Nach der Erklärung, dass ich in Singapur studiere und gerne reise, war dann alles in Ordnung!

Da der Flughafen außerhalb liegt, musste ich noch ca. 1 Stunde mit dem Skytrain nach Tokyo fahren. Und hier zeigte sich dann schon, dass Tokyo eine der teuersten Städte ist, ca. 20€ für die Fahrkarte…
Die Fahrt ging durch verregnete industrielle Vorstädte, dichter Nebel, triste Landschaft – ich spürte die Kälte und es fühlte sich wie ein typischer deutscher Novembertag an. Ich habe mich mittlerweile so an die tropischen Temperaturen in Singapur gewöhnt, so dass ich alles unter 25°C als kalt empfinde. Und in Japan war es eisig, zwischen 5-10°C und da ich keine Wintersachen nach Singapur mitgenommen hatte, musste ich das Zwiebelschalenprinzip anwenden und war dann meist mit Top, Sweatshirt, Strickjacke, Kapuzenpulli und Softschelljacke unterwegs…

Auf dem Weg zum Hotel musste ich dann in die Metro umsteigen und ich muss gestehen, dass ich etwas anderes erwartet hatte. In meiner Vorstellung war die Metro modern designed, mit Bildschirmen und einer Menge Anzeigen, voller Menschen und an jedem Gleis Schaffner, die für Ordnung sorgen. Doch in Wirklichkeit sind die Metros und Stationen ziemlich retro, das Design erinnert eher an die 80er, creme/braun, elektronische Anzeigetafeln gibt es kaum, in der Metro selbst gibt es nur Plakatwerbung, die gepolsterten Sitze wirken abgegriffen, haben aber Sitzheizung. Brav in der Schlange steht hier keiner und ich habe auch keinen Schaffner gesehen der die Leute in die Metro schubst. Die Leute stürzen in die Bahn, lassen den Aussteigenden kaum Platz – ich bin verwundert, in Singapur erkennt man noch ein System und in Taipei wird vorbildlich Schlange gestanden – aber in Tokyo?

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Vorurteile
Ich merke die nächsten Tage, dass so einige Meinungen und Vorurteile über Japan und Tokyo nicht wirklich zutreffen.
Hier ist alles lang nicht so modern und technikverliebt wie man glaubt. Schaut man die Handys der Leute an, so haben noch viele überdimensionierte Klapphandys oder Smartphones der ersten Generation, klar gibt es auch Iphones, aber lang nicht so viele wie in Singapur, Taiwan… Samsung Smartphones sind die Ausnahme. In der Metro sitzen viele da und lesen Bücher, das bin ich gar nicht mehr gewohnt, denn in Singapur vertreibt sich wirklich jeder – auch Senioren – die Zeit mit seinem Smartphone oder Tablet und streamt Filme, spielt Spiele und schämt sich nicht den Ton anzuhaben und so alle Mitmenschen an nervigen Geräuschen teilhaben zu lassen.
Die Metrostationen wirken düster, ich muss viele ungewohnte Treppen laufen, denn Rolltreppen und Aufzüge sind Mangelware, in Singapur auch wieder das komplette Gegenteil, hier läuft keiner freiwillig 3 Schritte zu viel.
Einen Mundschutz trage einige, aber insgesamt vielleicht nur etwa 5%.
Die englische Beschilderung ist auch dürftig und teilweise irreführend, ich merke schnell, dass die Englischkenntnisse hier sehr dürftig sind und viele nur Japanisch können. So schlage ich mich die nächsten Tage oft mit Zeichensprache durch…

Japaner gelten als überaus freundlich und höflich, manche behaupten es sei das höflichste Volk der Welt. Ich bekomme in Tokyo einen ganz anderen Eindruck, so ziemlich alle anderen asiatischen Nationen, die ich bisher kennen gelernt habe sind gastfreundlicher. Viele Menschen wirken auf mich sehr mürrisch, haben Ihren Trott und wirken sehr festgefahren, schenken ihren Mitmenschen kaum Beachtung, alten Leuten wird kein Sitzplatz angeboten. Auch ich bekomme im Supermarkt die „Höflichkeit“ zu spüren, die Schlange an der Kasse ist riesig, so dass eine neue aufmacht, wie viele andere reihe ich mich an der neuaufgemachten Kasse an. Ich bin erste, werde aber nicht bedient, sondern mit japanischen Gebrumme an die andere Kasse zurückverwiesen…
Auch auf der Straße begegne ich Leuten, die mich ich ignorieren oder von mir davon laufen, wenn ich nach dem Weg frage. Mir ist es rätselhaft was ich falsch mache, ich bin stets freundlich, lächle und bedanke mich – das kann ich von vielen Japanern nicht behaupten. Das Verhalten der Leute erinnert mich hier viel mehr an Europa als an Asien – selbst in der ärmsten Ländern sind die Leute sehr gastfreundlich und hilfsbereit, haben immer ein Lächeln im Gesicht und behandeln einen keineswegs so ignorant wie mancher Japaner.
Tokyo soll flippig und verrückt sein… Ich gehe in einigen angesagten Vierteln spazieren, einige aufgestylte Frauen in knappen Röcken und Kniestrümpfen drücken mir Flyer in die Hand, wenn ich sie aber fotografieren möchte, ist vielen ihr „Kostüm“ peinlich und wollen nicht erkannt werden. Sie machen Werbung für Cafés, Bars und Spielehallen, sind teilweise ziemlich dürftig bekleidet, zwischen Kniestrümpfen und Minirock zeichnet sich auf der blanken Haut eine Gänsehaut ab – ich habe Mitleid. Jugendliche im Mangalook treffe ich kaum, die meisten Aufgestylten machen das beruflich. Überhaupt wirkt die Mode, die auf der Straße getragen wird, ziemlich grau und trist, knallbunte Skijacken, wie sie bei uns gerne im Winter getragen werden, sucht man vergebens. Es gibt einige Spielhallen, an vielen Straßenecken stehen Automaten, an denen man sich Karten, Figuren und sonstigen Kitsch herauslassen kann. In Deutschland habe ich diese Art von Automaten schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Pokémons sind hier noch voll im Trend, bei McDonalds gibt es den Kalender für 2013 zu irgendeinem Menü dazu.
Viele Läden wirken auf mich leicht „gruschtig“, unübersichtlich, bis obenhin zugestellt und Produkte werden oft mit handgeschriebenen Zetteln beworben.
An außergewöhnlichen Sachen habe ich einen Buchautomaten in der Metrostation gesichtet und einen Schließkasten für Regenschirme.

Buchautomat

Buchautomat

Regenschirmschließfach

Regenschirmschließfach

Als ich das Viertel, in dem mein Hotel steht, erreiche, habe ich das Gefühl eine Zeitreise zurück in die 80er zu machen, die Gebäude könnten einen neuen Anstrich vertragen, es parken alte Autos, viele Geschäfte haben geschlossen, stehen wohl schon seit Jahren leer, der Friseur hat wohl immer noch das Orginaldesign aus den 60er, es wohnen hier scheinbar vorwiegend Senioren. Ich fühle mich stark an eine Kleinstadt erinnert, die ausstirbt, aus der nach und nach alle jungen Leute fortziehen.

Hotelviertel

Hotelviertel

Mein Zimmer ist im japanischen Stil eingrichtet, eine Matraze auf dem Boden – das Zimmer ist kaum größer – ein kleiner Tisch und ein Regal mit Kühlschrank, die Wand vergilbt, die Klimaanlage/Heizung gibt einen leicht modrigen Geruch von sich. Es gibt Gemeinschaftsbad und Küche. Die Zimmer in Tokyo sind unwahrscheinlich teuer und so bin ich glücklich dieses „Hotel“ gefunden zu haben, da das Preis/Leistungsverhältnis stimmt. In der Küche kann man sich sein Essen selber zubereiten, was angesichts der Restaurantpreise ganz praktisch ist. Das Gemeinschaftsbad ist sauber und die Klos sind tatsächlich wie erwartet mit Wasserreinigung und einer ganzen Reihe Knöpfe ausgestattet.
Es gibt eine Sitzheizung, was ich nach längerer Zeit draußen in der Kälte zu schätzen lerne, ich komme nicht drum herum die Wasserreinigung zu benutzen, da mit dem einlagigen Klopapier nichts anzufangen ist 😉 Genauso wie es statt Klobürsten in Asien meist einen separaten Schlauch /Brause zum Abspritzen gibt. Ich wundere mich, warum sich so etwas bei uns in Europa nicht durchsetzt, diese Methode ist doch viel hygienischer als Bürsten, die stinken und vor sich her modern. Auch die Wasserreinigung hat so seine Vorteile, man spart deutlich an Klopapier 😉

Und warum habe ich Tokyo nun verschlafen? Am ersten Tag war ich von der am Flughafen verbrachten Nacht etwas K.O. und habe erst einmal eine Runde schlafen müssen. Und am nächsten Tag verhieß ein Halskratzen nichts Gutes… Am darauf folgenden Tag war meine Stimme weg und eine böse Erkältung inkl. Fieber kündigte sich an. Ich war an dem Abend so erledigt, dass ich es kaum noch zurück ins Hotel geschafft habe. Nach fast 24h Schlaf und japanischen Medikamenten ging es dann wieder etwas besser. Aber ich war noch ziemlich schwach auf den Beinen und habe ehrlich gesagt die restlichen Tage zum größten Teil im Bett verbracht. Ich war 6 Tage in Tokyo, konnte aber nur einen ganzen Tag und an den anderen Tagen jeweils ein paar Stunden Zeit für Sightseeing  aufbringen, einen habe ich auch komplett verschlafen.

Apotheke auf Japanisch – moderne Konversation
Es war gar nicht so einfach eine Apotheke zu finden, an der Rezeption hatte man mir gesagt wo die nächste Apotheke sei und ich hatte darum gebeten auf Japanisch aufzuschreiben was ich habe und für Medikamente möchte. Man hatte mich zum Einkaufszentrum neben der Metrostation geschickt, aber nirgends war ein Apothekenzeichen zu sehen. Ich habe einige Leute auf Englisch angesprochen, wo die Apotheke sei. Einige Leute sind weggelaufen, als ich angefangen habe auf Englisch zu reden, allgemeines Schulterzucken, keiner schien mich zu verstehen oder war wirklich daran interessiert mir weiterzuhelfen. Zum Glück gibt es im Lonely Planet einen Sprachführer, wo auch das Wort für Apotheke in japanischen Zeichen abgebildet ist. Das habe ich einigen gezeigt und einer war dann bereit mir den Weg zu zeigen. Allerdings auch eine sehr komische Begegnung, er ist dann vor mir in Eiltempo hergelaufen, so dass ich nicht Schritt halten konnte, hat sich nicht umgedreht, nicht geschaut wo ich bin, blieb dann irgendwann stehen, zeigte auf einen Laden und war weg. Von außen verriet nichts, dass hier eine Apotheke drin ist, es handelte sich um einen Drogeriemarkt, der im hinteren Teil eine Apotheke samt Apotheker beherbergt. Ich stand zunächst etwas verloren im Laden, da ich die Apotheke noch nicht gesehen hatte. An der Kasse habe ich dann meinen Zettel mit der Notiz was ich habe vorgezeigt, ich wurde zum Apotheker geführt. Wie ich schnell merkte, sprach dieser fast kein Wort Englisch, so war mein Notizzettel äußerst hilfreich. Dennoch zeigte ich nochmal an meinen Hals, hustete ihm etwas vor, ließ ihn hören, dass meine Stimme komplett im Eimer war und langte mir an die Stirn um ihm klar zu machen was ich alles habe. Unsere Konversation fand schriftlich statt, er ist dann immer schnell in sein Arbeitszimmer verschwunden und hat sich wohl mit Google Translate die passenden Worte herausgesucht. Ich habe schließlich Tabletten erhalten, natürlich alles auf Japanisch inkl. Beipackzettel, also musste er mir noch aufschreiben wann und wie ich sie nehmen muss.  Das nennt sich moderne Kommunikation!

Sightseeing
Tokyo ist riesig und so gibt es jede Menge Stadtviertel, die man besichtigen kann. Ich bin meist einfach spazieren gegangen, habe mir nur wenige wirkliche Touristenattraktionen angetan. Was will ich auf dem Tokyo Tower, einer Replik des Pariser Eifelturms? Ich bin durch Parks geschlendert, habe einige Tempel besichtigt und wurde dort sogar Zeugin einer Hochzeit.

Fazit
Ein Besuch in Tokyo lohnt sich allemal, doch so außergewöhnlich fand ich diese Stadt nicht. Vieles hat mich mehr an Europa als an Asien erinnert und die Stadt ist keineswegs futuristisch, wirkt oft retro. Durch meine Erkältung habe ich es leider auch nicht aus der Stadt heraus geschafft, eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Yokohama und die vorgelagerten Inseln anzuschauen.

Ein Gedanke zu „Tokyo verschlafen

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