Kambodscha: zwischen Tempeln und Armut

Nachdem ich in Singapur mein Zimmer räumen musste und mein Hab und Gut eingelagert hatte, ging es am nächsten Morgen zum Flughafen. Es war leider eine ganz schlechte Idee am Vorabend noch den restlichen Whiskey zu trinken, es war allerdings nach einem Semester nur noch eine daumenbreite Bodendecke vorhanden. Doch mit nur 3h Schlaf fühlte ich mich nicht im Stande 2 Stunden lang mit den Öffentlichen zum Flughafen zu fahren – ja so groß ist Singapur – ich war so verpeilt und übermüdet, dass ich bestimmt eingeschlafen wäre oder wo anders rausgekommen wäre.
So habe ich mir ein Taxi geleistet und bin pünktlich am Flughafen angekommen. Da mein Visum in einigen Tagen abläuft, musste ich meinen Student Pass abgeben und habe so meinen ersten singapurischen  Ausreisestempel bekommen. Vom Flug habe ich mal wieder nicht viel mitbekommen, da ich lieber Schlaf nachgeholt habe 😉

Beim Anflug auf Phnom Penh zeigte sich ein sehr ländliches Bild: Reisfelder soweit das Auge reicht, viel grün, aber nicht ganz so fruchtbar wie z.B. in Java und mittendrin eine kleine Stadt – Phnom Penh.

Die Einwanderung war total unproblematisch, ich hatte im Vorfeld ein eVisum beantragt, um nicht stundenlang in einer kambodschanischen Botschaft für ein Visum anstehen zu müssen. In Kambodscha werden einem Abdrücke von allen 10 Fingern genommen, na danke, da fühlt man sich ja gleich wie ein Verbrecher. In den meisten Ländern beschränkt es sich auf den Abdruck der Daumen oder Zeigefinger.

Phnom Penh

Auf dem Weg zum Hotel bin ich von der Hauptstadt Kambodschas positiv überrascht worden: ein ziemlich sauberes Stadtbild, schöne Häuser, gut ausgebaute Straßen und gar nicht so viel Armut und Dreck wie ich erwartet hatte. Ich hatte mich schon auf Wellblechhütten und Schotterstraßen eingestellt, nachdem ich viel Armut auf Java gesehen hatte, habe ich hier noch schlimmeres erwartet.
Vor dem Palast hatte sich eine hunderte Meter lange Schlange gebildet, zum größten Teil aus orangefarben gekleideten Mönchen, die anstanden um dem verstorbenen König, die letzte Ehre zu erweisen. Zu schade, dass ich meine Kamera nicht parat hatte, als ich später noch einmal zu diesem Ort zurückkehrte hatte sich die Schlange aufgelöst und auf dem Platz wachten und beteten Menschen, Kinder spielten und Händler verkauften Luftballons.

zentraler Platz

zentraler Platz

Das Hotel entpuppte sich als Luxushotel, mit großem Zimmer mit Ausblick über die Stadt und einem Pool auf dem Dach. Da ich mir das Zimmer mit Jan, einem Kommilitonen aus Stuttgart, der ebenfalls in Singapur Auslandssemester macht, teile, ist es sogar erschwinglich. Er war am Ende seiner Rundreise durch Vietnam und Kambodscha angelangt und sollte am Abend mit dem Bus aus Siem Reap kommen. So hatte ich noch den ganzen Tag Zeit um die Stadt zu erkunden.

Wie immer ging es zu Fuß los, da man so einen unverfälschten Eindruck bekommt, die Stadt auch riecht und fühlt und nicht hinter einer Glasscheibe daran vorbeirast. Ich kam in den Genuss wieder Gehwege benutzen zu können, die auf Java meist nicht vorhanden oder schlicht zugeparkt waren. Es war angenehm warm, aber nicht so schwül wie in Singapur. In unmittelbarer Nähe zum Hotel befand sich eine schöne Parkanlage, Kinder spielten im Gras, Händler boten ihre Waren an, aber es offenbarte sich auch viel Armut und ich wurde nach Geld gefragt, an jeder Straßenecke Tuktukfahrer, die auf Kundschaft hoffen.
Ich schlenderte durch die Straßen, vorbei an herrlichen Tempeln und prunkvollen Regierungsgebäuden, kleinen, schnuckligen Cafés, aber auch heruntergekommenen Häusern und Menschen die auf der Straße kochen, leben und schlafen. Der Spaß am Touristenmarathon, so viele Sehenswürdigkeiten wie möglich zu sehen, ist mir schon längst abhandengekommen. Viel interessanter ist es Menschen zu beobachten und ihre Lebensweise kennen zu lernen. Allerdings habe ich mir die Silberpagode angeschaut, ich war ziellos dorthin gelangt, hatte Zeit und sie sah prächtig aus, allerdings war das Eintrittsgeld auch für hiesige Verhältnisse saftig.

Am Abend kam Jan an und wir hatten uns beim Essen viel von unseren Reisen zu erzählen. Das Essen war traditionell Khmer und schmeckte ausgezeichnet, ich war allerdings noch etwas vorsichtig, da ich mir als Andenken aus Indonesien mal wieder eine Magen-Darm-Grippe eingefangen hatte.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und einigem Plantschen im Pool, ging es am nächsten Tag auf Erkundungstour im Tuktuk. Wir wollten so viel wie möglich von der Stadt sehen, ihre verschiedenen Facetten kennen lernen ohne dabei das typische Touriprogramm zu machen. Und unser Fahrer war klasse, fuhr uns durch die Stadt, in kleine, abgelegene Gassen, wo sich niemals Touristen her verirren würden. Wir machten aber auch Station am russischen Markt um noch einige Andenken zu kaufen und am Wat Phnom. Zu den Killing Fields, die die schrecklichen Verbrechen der Roten Khmer dokumentieren, haben wir es zeitlich nicht mehr geschafft.

Den Tag haben wir mit einer Massage von Blinden ausklingen lassen, die sich so ihren Lebensunterhalt verdienen. Tolles Programm, dass ich gerne unterstütze und die Massage war wirklich hervorragend, aber auch beängstigend wenn man in diese Leere Augen blickt, ergreifend wenn man die tastenden Hände spürt und am selben Finger zweimal geknetet wird 😉

Am nächsten Tag ging es für mich weiter mit dem Bus nach Siem Reap, auch liebevoll Templecity genannt. Die Fahrt dauerte gut 6 Stunden für eine Strecke von 300 km, das Tempo war dementsprechend gemütlich, führte teilweise über Schotterpiste, entlang an Reisfeldern, Flüssen und Seen und ließ genug Zeit Bauern bei ihrer Arbeit auf dem Feld zu beobachten oder wie Ochsen über die Straße getrieben werden. Die Sitze im Bus waren für extrem zierliche Personen ausgerichtet, ich hatte weitaus breitere Schultern, aber zum Glück keinen Nebensitzer.

Am Bahnhof wurde ich von einem Tuktukfahrer meines Guesthouses abgeholt und dort dann liebevoll empfangen. Das Guesthouse wird von zwei deutschen geleitet, die super hilfsbereit sind und man sich gleich wie zuhause fühlt. Die beiden zeigten sich überrascht, dass ich schon so früh da war, da der Bus mindestens 6 Stunden, also eigentlich eher 8 braucht und heute tatsächlich nur knapp über 6 gebraucht hatte. Ich wurde sogleich über mögliche Tempeltouren in Angkor informiert und buchte für die nächsten zwei Tage gleich den Tuktkfahrer, der mich auch abgeholt hatte.

Ich startete am nächsten Tag mit der großen Tempeltour, groß nicht etwa weil man die größten Tempel besichtigt, sondern am meisten Strecke zurücklegt (bestimmt 30 km) und eher die Tempel außerhalb besichtigt. Am Eingang gab es eine 3-Tageskarte für schlappe 40 USD, inkl. verpeiltem Schnappschussfotos um die Karte zu personalisieren. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass man in Kambodscha weitestgehend mit USD zahlt, allerdings sind nur Scheine im Umlauf, so dass die Einheimische Währung Riel als Kleingeld gehandhabt wird (1USD= 4000 Riel).

Ich werde bestimmt nicht alle Tempel in allen Einzelheiten beschreiben, es waren 6 an der Zahl. Der erste, Preah Khan, ist bis jetzt mein Favorit, große Anlage mit wenig Touristen, schönen Reliefs, Bäumen, deren Wurzeln sich ihren Weg durch  die Steine bahnen und ich wurde von einer Security gegen etwas Trinkgeld in einen abgesperrten Bereich geführt und hatte nach einer kleinen Kletteraktion über eingestürzte Gänge, einen atemberaubenden Blick vom Dach auf den Tempel. Einer der Tempel war sehr weit außerhalb und nur nach einer halbstündigen Fahrt zu erreichen, die Strecke dorthin war wesentlich interessanter. Hier bekam ich viele einfache Hütten zu sehen, sah das einfache Leben der Menschen, Ochsen und Küche auf der Straße…
Zum Sonnenuntergang ging es hoch auf den Pre Rup, wo eine ganze Horde Touristen gebannt auf das rot gefärbte Farbenspiel warteten.

Was mich an diesem Tag am meisten bewegt hat, waren die Kinder, die den Touristen Souvenirs verkaufen. Es ist wirklich herzzerreißend, wenn 5 bis 10-Jährige Verkaufsargumente wie, „Just 1 Dollar, to go to school, Miss“ gebrauchen. Wie ich dann später herausgefunden habe, gibt es in Kambodscha Schulpflicht und auch kostenlose Schulen. Die Kinder müssen morgens oder abends zur Schule und haben so Zeit als Händler zu arbeiten. Allerdings bestechen wohl einige Eltern auch die Lehrer, damit die Kinder nicht in die Schule müssen und stattdessen Geld verdienen können, was wohl zur Folge hat, dass sie dennoch versetzt werden und einen Abschluss erhalten, aber sehr schlecht lesen und schreiben können. Wenn die Kinder mit gebrochener Stimme hinter einem herlaufen und einen anflehen etwas zu kaufen, ist es unendlich schwierig NEIN zu sagen. Einige Sachen wie Postkarten oder Früchte waren mir auch willkommen, aber ich brauche nun mal nicht jeden Ramsch. Gerne hätte ich auch hier und da mal etwas Geld verschenk, aber es waren nun mal Scharen an Kinder unterwegs, da wäre ich hinterher selbst eine arme Frau gewesen… Ich habe dann angefangen Kekse zu verschenken, die ich zufälligerweise dabei hatte und habe so einige Lächeln in  Gesichter gezaubert. Ich habe mich dann später im Supermarkt mit noch mehr Keksen ausgerüstet und dann sogleich auf der Straße eine Frau mit 2 Kindern gesehen, die im Müll nach etwas essbaren gesucht hat… Meine Taktik ging auf, ich wurde meine Kekse los, habe sie allerdings auch an Kinder verschenkt, die in Siem Reap am Straßenrand saßen und gebettelt haben.

Siem Reap ist deutlich ländlicher als Phnom Penh und total auf die Touristen ausgelegt, Hotels mit kitschiger, blinkender Weihnachtsdekoration reihen sich einander, unzählige Bars und Restaurants laden zum Verweilen ein und  Massage gibt es ab einem Dollar zu haben. Das Flair am Old Market hat mich stark an Südfrankreich erinnert mit seinen kleinen Geschäften und Straßenverkäufern.
So habe ich mir auf der Straße erst 30min Fußmassage für 2 USD gegönnt, der Junge hat mich dann aber mehr zugelabert und ausgefragt, statt massiert – die Massage war dann auch mehr eincremen als kneten… Etwas klüger bin ich dann für die Körpermassage in ein edles Spa und habe einen Volltreffer gelandet, ich hatte dort die wohl beste Massage 🙂 Ich war so begeistert, dass ich am nächsten Tag gleich nochmal hin bin, 10 USD für eine h, zwar etwas teurer als auf der Straße, aber dafür unglaublich entspannend und jeden Cent wert.

Um 4h30 klingelte mein Wecker, pünktlich zur nächsten Tempeltour die mit dem Sonnenaufgang bei Angkor Wat beginnt. Ich hatte schon böses geahnt, Heerscharen an Tuktuks und Bussen fuhren an mir vorbei und es wimmelte vor Ort nur so von Touristen, die sich vor dem See versammelt hatten, um so das beste Motiv vor die Linse zu bekommen. Es war sehr lustig zu beobachten, wie Besitzer einer Billigknipse eifrig drauflosblitzten und versuchten mit den Bildern einer Spiegelreflex auf Stativ mit langer Belichtungszeit mitzuhalten und erst recht grausame, meist schwarze Ergebnisse bekamen…

Ich war total übermüdet und dementsprechend nicht sehr motiviert noch tausende an Tempeln anzuschauen. Sofort nach Sonnenaufgang ging es zum nächsten Tempel um den Scharen an Pauschaltouristen in Riesenbussen zu entkommen. Auf dem Parkplatz vor Angkor Wat standen ungelogen mindestens 50 große Busse. Pauschalreisende haben meist nur Zeit für die Hauptempel, so war ich am Tag davor keinen Heerscharen an Koreanern und Russen in die Arme geloffen. Um den Massen zu entfliehen, sollte es also erst später wieder zum Tempel zurückgehen um diesen dann genauer unter die Lupe zu nehmen. Zunächst ging es zum Ta Phrom, dem Drehort von Tomb Raider, aber meine Begeisterung hielt sich wahrlich in Grenzen, als ich dann noch in eine Gruppe Russen geraten bin, war meine Laune am Tiefpunkt. Es war allerdings ziemlich lustig zu beobachten, wie manche Teilnehmer diseser Reisegruppe wohl nicht verstanden hatten, dass es auf Tempelbesichtigungstour geht. Ein Mädel hatte wahrlich nur Unterwäsche an und wäre am Strand wohl besser aufgehoben gewesen. Das Highlight des Tages war ein Tempel, versteckt im Wald, der nur über eine holprige Straße voller Schlaglöcher zu erreichen ist. Das Beste daran war, dass ich den Tempel ganz für mich alleine hatte. Kein Kartenkontrolleur vorm Eingang, keine Kinder, keine Touristen. Der Tempel war ziemlich zerfallen und ich musste viel über Steinblöcke klettern und mein Abenteurerherz fing an zu schlagen. Die größen Tempel waren wieder überlaufen und selbst der Bayon und Angkor War machten nicht wirklich Spaß. Irgendwann war es: „Oh noch ein Tempel, toll! Und wieder Steine und Reliefs… WOW…“. Meine Begeisterung war hinüber und nach 9h war ich auch restlos fertig. Für den nächsten Tag stand erst einmal ausschlafen auf dem Programm und am Abend noch ein Sonnenuntergang.

Dieser Sonnenuntergang war wohl der schönste den ich jemals gesehen habe. Nach eine halben Stunde Fahrt entlang Holzhütten und Pfahlbauten und einem halbstündigen Aufstieg zur Ruine des Phnom Krom, hatte ich einen atemberaubenden Blick über eine traumhafte Landschaft, im Vordergrund Reisfelder, im Hintergrund zeichnete sich der riesige Tonle Sap See ab.

Ich hatte eine fantastische Zeit in Kambodscha und habe mich in das Land verliebt, es gibt so viel Armut und Leid, aber auch prachtvolle Tempel die an eine glorreiche Vergangenheit erinnern. Das Leben ist hier so schön einfach und gemütlich, die Leute meist sehr zuvorkommend und klar gibt es hier auch den Touristenzuschlag, aber man wird nicht nach Strich und Faden betrogen. Die 6 Tage, die ich hier verbracht habe, waren viel zu kurz, ich hätte gerne noch viel mehr gesehen, noch andere Städte bereist und noch mehr von dieser friedvollen, ruhigen Atmosphäre aufgesogen.

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